Okt. 2015: Eine starke Oma

Liebe Freunde,
sechs verwaiste Enkelkinder zieht sie auf und füttert siemit Mühe durch, und das seit Jahren. Sie ist eine starke Oma, die mir im vergangenen April auf meiner ersten Reise nach Kambodscha in diesem Jahr begegnet ist.
Das Schicksal der Familie klingt fast unglaublich, denn die sechs Kinder stammen von zwei verschiedenen Elternpaaren. Doch alle vier Elternteile starben in den letzten Jahren, die einen an Krankheiten, die anderen am Verzehr vermeintlichen Gemüses aus dem Wald, das sich als giftig herausstellte.
Schon vor einiger Zeit hatte die Oma gegenüber Srey Mom, der Koordinatorin des Jesuit Service Siem Reap, den Wunsch geäußert, vor ihrem Tod die Enkelkinder
noch in einem neuen Haus wohnen zu wissen, weil das alte in sehr schlechtem Zustand war. Diese Bitte konnten wir ihr nun erfüllen. Das Bild links zeigt die
Oma mit vier ihrer sechs Enkel vor dem neuen Haus. Die Familie ist eine von fünf, die heuer bereits eine solide Bleibe zu je $ 1300 aus Ihren/Euren Spendengeldern bekommen haben. All diese Familien konnte ich besuchen und bin dabei auf dankbare Menschen getroffen, für die ein Traum in Erfüllung gegangen ist. Denn sie gehören zu den Ärmsten der Armen und haben keine Mittel, selbst für ein menschenwürdiges Dach über ihrem Kopf zu sorgen. Srey Mom beweist jedes Jahr großes Fingerspitzengefühl bei der Auswahl der Empfänger eines neuen Hauses. Für 2016 hat sie bereits wieder fünf Familien ins Auge gefasst, darunter eine, deren Hütte so kaputt ist, dass sie kürzlich in den Unterstand für die Tiere umziehen musste.

eroeffnung-laden
Sehr erfreulich entwickelt sich auch das Projekt der Vergabe von Kleinkrediten, um Familien eine Einkommensquelle zu erschließen. Ein regelrechtes Musterbeispiel dafür ist Samak, die Frau von Seun, der 2012 so kläglich an Krebs verstarb. Um sich und ihren drei Kindern das Überleben zu sichern, hatte sie uns um einen
Kredit in Höhe von $ 500 zur Eröffnung eines Ladens gebeten.
Inzwischen konnte sie das Geld fast vollständig zurückzahlen und neben dem Laden auch noch ein kleines Straßenlokal eröffnen. Im Bild sieht man Samak (in rot), im Hintergrund ist ihr Laden zu erkennen, den sie nächstes Jahr sogar noch vergrößern möchte. Sie macht einen sehr zufriedenen Eindruck, wenn man ihr begegnet. Und sie kann zu Recht stolz auf sich sein, denn ganz offensichtlich hat sie es geschafft!



Ein Schulbauprojekt gibt es in diesem Jahr ebenfalls wieder. Die Grundschule in Popeil, für die ich zusammen mit der Jesuitenmission in Nürnberg letztes Jahr fünf Klassenzimmer finanzieren konnte, benötigte dringend einen weiteren Neubau. Immer noch mussten Kinder aus Platzmangel in einem von Termiten schwer in Mitleidenschaft gezogenen Schulhaus unterrichtet werden, das bei jedem Windstoß einzustürzen drohte.
So hat die Jesuitenmission nun erneut drei Klassenzimmer beigesteuert, zwei weitere – die Kosten dafür belaufen sich auf $ 25 000 – habe ich aus meinem Spendentopf bezahlt (im Bild die Rektorin der Grundschule vor den Fundamenten des neuen Gebäudes, Anfang September). Es wird aller Voraussicht nach das letzte neubau-schulederartige Schulbauprojekt sein. Die Jesuiten in Kambodscha, über die ich meine Projekte realisiere, haben beschlossen, künftig dem Staat seine Pflicht, für Schulen zu sorgen, nicht mehr abzunehmen. Dieser hat in letzter Zeit verstärkt Anstrengungen für Verbesserungen im Bildungsbereich unternommen. Die Lehrergehälter
wurden angehoben und einschneidende Maßnahmen ergriffen, um bei den Abiturprüfungen den zuvor üblichen Unterschleif und die Bestechung der Lehrkräfte zu verhindern. Ich kann nur hoffen, dass die Regierung sich der Pflicht auch zum Bau von Schulen bewusst ist und die Lücke, die durch den Rückzug der Jesuiten hinterlassen wird, tatsächlich zu schließen vermag.

Als ich im September in Kambodscha war, gab es wieder viel Not zu lindern. Mehr als 40 Familien in Samraong warteten schon sehnlichst auf die 1000 kg Reis, die wir ins Dorf brachten. Zumindest für einige Tage war ihnen so die Sorge ums Überleben genommen. Umso größer ist die Sorge um die anstehende Reisernte. Zwei Mal schon haben die Menschen Setzlinge gepflanzt, und zwei Mal sind sie mangels Regen eingegangen. Nun ruht alle Hoffnung auf dem dritten und letzten Versuch. Aber der Verlauf der nun bald zu Ende gehenden Regenzeit verheißt nichts Gutes. Ich rechne damit, im nächsten Jahr mehr Geld für Reisnotlieferungen einplanen zu müssen. Die Begegnung mit Menschen, die Hunger leiden, geht mir immer sehr nahe.

Liebe Freunde, vor kurzem bin ich auf ein Zitat des peruanischen Befreiungstheologen Gustavo Gutierréz gestoßen. „Der einzige Weg, mit den Armen solidarisch zu sein, ist es, Freunde unter den Armen zu haben“, schreibt er. Diese Aussage hat sich mir eingeprägt.
Ich glaube, die Erfahrung, Freunde unter den Armen zu haben, ist der Grund dafür, dass ich von Kambodscha nicht lassen kann. Not und Armut gibt es viel auf der Welt. Dass sich derzeit Hunderttausende auf den Weg zu uns nach Deutschland machen, führt uns das erschreckend deutlich vor Augen. Umso wichtiger erscheint es mir, den Armen und Notleidenden dort zu helfen, wo sie leben – in ihrer Heimat.


Ihr/Euer Thomas (Tom) Rigl