Nov. 2014: Kinder hungern

250 US-Dollar – Srey Mom, die Koordinatorin des Jesuit Service Siem Reap, platzte fast vor Stolz und Freude, als sie mir das Geld vorzählte. Ganze 250 Dollar hatten ihr seit meinem letzten Besuch im Frühjahr jene Familien aus Samraong zurückgezahlt, die von uns Kleinkredite zur Existenzgründung bekommen hatten. 250 Dollar, die zum einen belegen, dass das Geld seinen Zweck erfüllt, den Menschen zu Einkommen zu verhelfen, und die zum anderen nun an weitere Familien als Kredit ausbezahlt werden können.
Da im Etat des Jesuit Service keine Mittel für Kredite vorgesehen sind, bestreitet Srey Mom deren Vergabe bislang fast ausschließlich mit Geld aus meinem Spendentopf, dem „Thomas money“, wie sie es gerne nennt. Und mit dem offensichtlichen Beweis, dass das System funktioniert, hieß sie mich Ende August vor Ort willkommen. Leider ist in Samraong nicht alles so erfreulich wie die noch jungen Erfahrungen mit der Vergabe von Kleinkrediten.
Als wir tags darauf ins Dorf fuhren, erwartete uns eine ungewohnt große Zahl von Menschen. Und schon bald wusste ich, warum. Sie hatten gehofft, wir würden Reis mitbringen, der ihren Hunger etwas lindern könnte. Bislang hatte ich angenommen, dass die Menschen vor allem im Oktober und November hungern, wenn die Reisernte vom Vorjahr aufgebraucht ist. Doch da hatte ich mich geirrt. Schon im August haben viele Familien schwer zu kämpfen, überhaupt noch etwas Essbares aufzutreiben. Nur, im August war ich in den letzten Jahren nie in Kambodscha gewesen.
Als wir dann einen Tag später mit 1100 kg Reis noch einmal ins Dorf kamen, war deshalb der Andrang nicht minder groß – und das Verlangen nach einem vollen Magen zumindest für einige Tage gestillt. Die Begegnung mit Hunger – etwas, das im reichen Deutschland kaum jemand kennt – erschüttert mich regelmäßig am meisten. Besonders schlimm ist sie dann, wenn es Kinder sind, die uns am Nachmittag erzählen, dass sie weder Frühstück noch Mittagessen hatten – so, wie die vier Jungs rechts im Bild.
Die Eltern arbeiten meist hart und mühen sich nach Kräften, ihren Nachwuchs zu ernähren. Aber ihr Land reicht nicht aus, um alle das ganze Jahr über satt zu kriegen. Und Arbeitsplätze auf den nahe gelegenen Farmen sind rar und schlecht bezahlt. Von allen südostasiatischen Ländern hat Kambodscha einer aktuellen Studie zufolge den geringsten Reisertrag pro Hektar Ackerfläche. Und obwohl sich die Ernährungssituation im Land in den vergangenen 25 Jahren enorm verbessert hat, stuft der aktuelle Welthunger-Index den Schweregrad des Hungers dort immer noch als „ernst“ und damit auf einer Skala von „wenig“ bis „gravierend“ im Mittelfeld der von Hunger betroffenen Länder ein. Statistisch gelten gut 15 % der Kambodschaner als unterernährt und 29 % derKinder unter fünf Jahren als untergewichtig. In Samraong und den angrenzenden Dörfern erlebe ich das als bittere Realität.

Oft genug frage ich mich, wie das Dilemma von Landlosigkeit und fehlenden Arbeitsplätzen gelöst werden kann, damit sich die Menschen selbst ausreichend mit dem Nötigsten versorgen können. Sich selbst ausreichend versorgen können, das hatten Bauer Ren und seine Familie aus dem Nachbardorf Bos Thom geradezu vorbildlich geschafft, obwohl eigene Reisfelder fehlen. Dass sie vor drei oder vier Jahren vom Jesuit Service ein neues Haus bekamen – 15 solcher Häuser konnte auch ich inzwischen aus Ihren/ Euren Spendengeldern finanzieren –, wirkte laut Srey Mom wie eine Initialzündung. Der Familie gelang es, einigermaßen auf die Beine zu kommen. Der Vater arbeitete hart auf den Reisfeldern anderer und bekam dafür von der Ernte einen Anteil. Die Mutter, deren Hände von der Lepra gezeichnet und nur bedingt zu gebrauchen sind, band Reisigbesen und verkaufte sie. Alle sechs Kinder konnten die Schule besuchen. Doch dann starb Bauer Ren (ganz rechts im Bild) im Alter von nur 42 Jahren. Bis heute rätseln Frau und Kinder, woran. Er hatte weder einen Unfall noch war er erkennbar krank gewesen. Ein plötzlich aufgetretenes Fieber ließ ihn im Juli dieses Jahres nur einen Tag später aus dem Leben scheiden. Zurück blieb seine leprakranke Frau mit den Schulden für die Beerdigung und der verzweifelten Sorge, wie es weitergehen soll mit ihr und ihren sechs Kindern. Ich kenne die Familie seit einem Jahr. Und es war ein Glück, dass ich sie nur wenige Wochen nach Rens Tod wieder besuchen konnte, um der Mutter die Schulden zu bezahlen und erste Nothilfe zu leisten – auch für den zweitältesten Sohn (links im Bild), den wir mit einem schweren Malaria-Anfall zum Arzt bringen mussten. Der älteste Sohn (links neben mir) nennt mich nun teils scherzhaft, teils im Ernst „Vater“ – und macht mir damit bewusst, dass die Familie wohl weiter Unterstützung brauchen wird. Wenn ich Ende November im Anschluss an eine Dienstreise nach Myanmar unerwartet für acht Tage ein drittes Mal in diesem Jahr nach Kambodscha komme, werde ich selbstverständlich nach Rens Familie sehen und gemeinsam mit Srey Mom versuchen, ihr die Zukunft zu sichern.

Dass ich das tun kann, verdanke ich Ihnen und Euch allen, die mir und meinen Projekten teils seit Jahren die Treue halten. Dafür kann ich nur immer wieder ein von Herzen kommendes Vergelt's Gott sagen! Ihre/Eure Hilfe hat auch in diesem Jahr wieder den Bau eines Schulhauses (zwei Klassenzimmer) möglich gemacht. Von dessen Einweihung Anfang September berichten die Fotos auf der nächsten Seite. Bis zu einem Weihnachtsgruß nach meiner Rückkehr im Dezember verbleibe ich ganz herzlich als

Ihr/Euer Thomas (Tom) Rigl