Juli 2016: Einweihung Schule

Liebe Freunde,

auf den Tag genau vier Monate ist es her, dass ich mit einer Maschine von Thai Airways hier in Phnom Penh angekommen bin, um meinen dreijährigen Einsatz als „Berater in der Organisationsentwicklung“ für den Jesuit Service Cambodia zu beginnen – vier Monate, von denen ich kaum glauben kann, dass sie schon vorüber sind. Viel ist in dieser Zeit passiert. Drei Monate lang konnte ich mich auf das Erlernen bzw. Verbessern meiner Kenntnisse der Landessprache Khmer konzentrieren und bin dankbar, dass P. Indon, der Direktor des Jesuit Service, das so vorgesehen hatte. Auch wenn es noch dauern wird, bis ich die Sprache sicher beherrsche, es ist spannend und manchmal auch mühsam, sich in eine für uns sehr fremde linguistische Welt zu vertiefen. Hier nur eine kleine Kostprobe: „Ich lebe und arbeite in der Hauptstadt Phnom Penh“ heißt auf Khmer so:
schriftzug

In den ersten beiden Monaten habe ich ein Zimmer im Haus der Jesuiten bewohnt, das zugleich auch die Büros des Jesuit Service beherbergt. Zum Oktober bin ich dann in eine Mietswohnung gezogen, die näher am Stadtzentrum und gegenüber der staatlichen Universität Phnom Penhs liegt. Dort fühle ich mich ganz wohl, auch wenn die Lage der Wohnung zwischen zwei verkehrsreichen Straßen in einem Land ohne TÜV und Abgasuntersuchung für ziemlich viel Dieselruß sorgt. Zwar scheint die Luft rein, doch das wöchentliche Wischwasser meiner Böden spricht Bände...
Stichwort Verkehr: Ich hatte zunächst großen Respekt davor, mich via Motorroller selbst in das chaotische Gewurl Phnom Penhs zu stürzen, in dem es offenbar nur zwei Regeln gibt:
1. Der Stärkere hat Vorfahrt.
Und 2. Schaue nie nach rechts oder links, sondern nur geradeaus. Rote Ampeln gelten vielen nur als Empfehlung zum Halten. Und auch die Tatsache, dass hierzulande Rechtsverkehr herrscht, ist in der Praxis meist nicht erkennbar. Um in diesem Durcheinander auf den Straßen (die oft voller tiefer Schlaglöcher sind) bestehen zu können, bleibt einem nichts anderes übrig, als zu tun, was alle tun.
Und was soll ich sagen? Bislang klappt es recht gut. 


Nur wenige Tage nach meiner Ankunft Ende Juli musste ich mich auf den Weg nach Siem Reap machen, um dort an der Einweihung des neuen Schulgebäudes in Popeil (Gemeinde Tropeng Trom) teilzunehmen. Etwas hektisch wurde es am Abend zuvor, als Srey Mom, die Koordinatorin des Jesuit Service in Siem Reap, einen Anruf aus dem Büro des Provinzgouverneurs erhielt. Weil der stellvertretende Gouverneur höchstselbst sein Kommen angekündigt hatte, ließ man Srey Mom wissen, ich hätte in Anzug und Krawatte zu erscheinen.
So haben wir an einem Sonntagabend nach 21 Uhr noch versucht, für mich etwas Passendes zu finden bzw. zu leihen. Das Ergebnis war nicht ganz perfekt, konnte sich aber einigermaßen sehen lassen. Aufklärung über die kurzfristige Kleidervorschrift brachte dann der nächste Morgen: Der stellvertrende Gouverneur heftete mir und auch Srey Mom einen Verdienstorden ans Revers. Dass ich bei dem Festakt dann letztlich der einzige war, der unter einem langärmeligen Sakko und seiner Krawatte schweißgebadet war, ist nur als Randnotiz zu vermerken. 

wasserbueffelEin weiterer Besuch in Siem Reap führte mich im September wieder mitten hinein in die bittere Armut der Menschen auf dem Land. Dort kämpfen viele Familien ums Überleben, suchen nach essbaren Wurzeln und wilden Kartoffeln im Wald, essen Frösche oder ernähren sich mangels Reis von Maniok, der erst tagelang in Wasser eingelegt werden muss, um das darin enthaltene Gift zu neutralisieren.
Mit einer Lieferung von mehr als 1000 kg Reis nach Samraong, wo die Not immer am größten ist, konnten wir rund 40 Familien zumindest etwas Erleichterung verschaffen – und eine abenteuerliche Fahrt durch überschwemmte Gebiete auf einem Ochsenkarren erleben (im Bild Srey Mom auf dem Karren, während ich als Fotograf auf einem überspülten hölzernen Behelfssteg stand). 
Der Wasserreichtum der Regenzeit schlägt in der nun beginnenden Trockenzeit in Wassermangel um. Da viele Kleinbauern nicht über größere Felder verfügen und die Böden in und um Samraong sehr karg sind, können sie nicht genügend Reis ernten. Dem wollen wir im kommenden Jahr durch den Bau von Dämmen und kleinen Kanälen entgegensteuern, so dass die Menschen zumindest einen Teil ihrer Felder bewässern können, um mehr als einmal im Jahr Ertrag zu haben.

Auch der Bau von 5 Häusern für die Ärmsten der Armen ist für 2017 vorgesehen. Doch noch harren diese Pläne der Genehmigung durch P. Indon, den Direktor des Jesuit Service. Im Gefolge einer großen Evaluierung (Bewertung) aller Projekte im Jahr 2014 hat unsere Organisation eine Neuausrichtung ihrer Arbeit beschlossen. Die bisherige Nothilfe für die Ärmsten der Armen ist leider nicht unter den vier zukünftigen Schwerpunkten, zu denen die Unterstützung behinderter Menschen, Bildung für die Armen, Advocacy-Arbeit und ein Ökologie-Programm gehören. 
Meine Arbeit als „Berater in der Organisationsentwicklung“ steht erst am Anfang. Ich verschaffe mir derzeit noch einen Überblick, wo wir im Augenblick stehen. Dass die Arbeit des Jesuit Service professioneller werden muss, um den Vorgaben internationaler Geldgeber zu genügen, steht außer Frage.
Dokumentation und Monitoring der Projekte müssen verbessert werden, um deren Wirksamkeit belegen zu können. Den Spagat, bei der dabei zwangsläufig zunehmenden Bürokratie den Kontakt zu den Armen nicht zu verlieren, gilt es zu meistern. Ich bitte Sie und Euch auch weiterhin um Unterstützung und verspreche, Sie bzw. Euch über den Fortgang der Dinge und eine sinnvolle Verwendung der eingehenden Spenden auf dem Laufenden zu halten.

Mit den besten Wünschen für eine gesegnete Adventszeit,

Ihr/Euer

Thomas (Tom) Rigl