Einweihung der Mittelschule

Liebe Freunde,

die Zahlen sind beeindruckend. Rund 7 % beträgt das Wirtschaftswachstum Kambodschas heuer, und die Prognose für das kommende Jahr fällt ebenso hoch aus. In der Hauptstadt Phnom Penh wachsen die Bankentürme in den Himmel, internationale Investoren errichten Luxuswohnviertel und neue Geschäftszentren. Doch die vielversprechenden Bautafeln wirken wie von einem anderen Stern. Der Kontrast zu den Dörfern in den ländlichen Regionen, wo knapp 80 % der Menschen leben, könnte größer nicht sein.
Mehr als ein Drittel der Kambodschaner lebt unterhalb der Armutsgrenze, und nach wie vor fehlt es in weiten Teilen des Landes an Strom und sauberem Trinkwasser. Die Regenzeit hat auch in diesem Jahr wieder viele Straßen unpassierbar gemacht.
Als ich mich am 28. Oktober mit den Angestellten des Jesuit Service von Siem Reap aus auf den Weg nach Thepdey machte, wussten wir nicht sicher, ob wir es mit unserem allradgetriebenen Auto tatsächlich bis dorthin schaffen würden. Doch wir hatten Glück, rechtzeitig zur Einweihung des neuen Schulhauses erreichten wir den Ort. Hunderte von Schülern in ihren obligatorischen Schuluniformen standen Spalier, um uns mit großem Applaus zu empfangen. Auch viele Eltern waren gekommen, um der Feier beizuwohnen.
Anders als noch im Frühjahr angekündigt, dient das Gebäude mit seinen drei Klassenzimmern nun doch nicht als Gymnasium, sondern als Mittelschule (secondary school) für die Klassen 7 bis 9. Die 400 Schüler, die zusammen mit ihren staatlichen Lehrkräften dringend auf den Erweiterungsbau gewartet hatten, kommen aus mehr als zehn umliegenden Grundschulen, von denen sich drei in der Obhut des Jesuit Service befinden.
Srey Mom und ihre Mitarbeiter sind verständlicherweise sehr stolz auf die erste von ihrer Organisation errichtete Mittelschule! Allen unter Ihnen und Euch, die mit Ihrer Spende den Bau (Kosten: 27 000 €) ermöglicht haben – darunter ganz besonders der „Kneitinger Gmoa“ –, möchte ich an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön sagen!

Außer dem neuen Gebäude hat das Schulzentrum in Thepdey zu Beginn des Schuljahres im Oktober auch eine moderne Wasseraufbereitungsanlage (Kosten: 3000 €) aus Ihren/Euren Spenden erhalten. Der bisher genutzte einfache Filter war für die insgesamt mehr als 1000 Kinder und Jugendlichen völlig unzureichend, so dass wir dem Wunsch der Schulleitung nach Abhilfe gerne entsprochen haben.
Das gereinigte, aus einem vom Regen gespeisten Teich gewonnene Trinkwasser kommt nun auch den Anwohnern zugute, die sich während der Unterrichtszeiten gleichermaßen damit versorgen können. Da sauberes Trinkwasser eine ganz wesentliche Voraussetzung für die menschliche Gesundheit ist, war die Freude über die reibungslose Umsetzung des Projekts, das für den Jesuit Service ebenfalls ein Novum war, bei allen Beteiligten groß. In Deutschland machen wir uns in der Regel keine Gedanken um unser Trinkwasser. Wir brauchen nur den Hahn aufzudrehen, und schon sprudelt Wasser in bester Qualität heraus.
Einer Statistik des kambodschanischen Bildungsministeriums zufolge verfügt knapp die Hälfte aller Schulen des Landes nicht über sauberes Wasser (und ein Drittel auch nicht über Toiletten). Ich bin sehr froh und dankbar, dass die Schüler in Thepdey ihren Durst künftig ohne Sorge löschen können. Ganz anders verhält es sich für die Menschen in Bos Thom, einem Nachbardorf von Samraong. Dort konnte ich einige Familien besuchen, die nächstes Jahr ein neues Haus aus Ihren/Euren Spenden erhalten werden. Die meisten von ihnen haben einen eigenen Brunnen, oder genauer gesagt, ein bis zu 12 m tiefes, unbefestigtes Loch im Boden, aus dem sie Wasser entnehmen – milchig trübes Wasser, dessen Qualität mir sehr fraglich erschien. Neue, bessere Brunnen zu bohren, ist wegen der Bodenbeschaffenheit sehr schwierig, der Jesuit Service will es aber dennoch versuchen.

Zu wie vielen Erkrankungen mit Todesfolge das schlechte Wasser führt, kann ich nur mutmaßen. Aber die Situation einzelner Familien hat mich sehr nachdenklich
gemacht. Ein Haus, das wir im kommenden Jahr mit Zustimmung der Dorfversammlung neu bauen werden, wird von einer Oma und ihren fünf verwaisten Enkeln bewohnt. Ebenfalls zu den Bewohnern zählt die bereits verwitwete Tante der Kinder mit ihrer kleinen Tochter. Viele Menschen sterben zu früh. Und es sind gerade die vielen Einzelschicksale, die mich immer wieder berühren. So auch das eines Kleinkinds in Samraong (rechts im Bild). Seine Mutter war zur Arbeit in Thailand, wurde dort schwanger und brachte das Kind, dessen Vater nicht bekannt ist, zuhause in Kambodscha zur Welt. Bald nach der Geburt starb sie, nur 23 Jahre alt. Das verwaiste Baby wächst nun bei der Tante auf. Welche Zukunft wird es wohl haben? Keine Zukunft mehr hatte leider Üan. Erinnern Sie sich noch? Sie hatte Ende 2011 eine neue Hüfte bekommen, nachdem sie zuvor ein Jahr lang mit ausgerenktem Gelenk schreckliche Qualen gelitten hatte. Nur selten in meinem Leben habe ich einen so glücklichen Menschen erlebt wie sie, als sie endlich wieder gehen konnte. Anfang November nun starb sie an Hepatitis, gelb bis unter die Fingernägel. Ich bin dankbar, dass ich mich wenige Tage vor ihrem Tod noch von ihr verabschieden konnte. Aber vergessen werde ich sie nicht.

Liebe Freunde, noch viel gäbe es zu erzählen. Etwa aus Samraong, wohin wir knapp eine Tonne Reis gebracht haben, die von 34 hungrigen Familien erwartet worden war. Oder von den Schülern, die sich über ein neues Fahrrad und/oder ein Stipendium für den Besuch der High School freuen. Ein weiterer ereignisreicher Aufenthalt in Kambodscha liegt hinter mir, und ein ereignisreiches Jahr geht zu Ende, ein Jahr, für das ich Ihnen und Euch allen aufrichtigen Dank schulde. Ich bin gespannt auf das neue Jahr, wünsche Ihnen

und Euch Gottes Segen dafür und freue mich, wenn wir miteinander verbunden bleiben.

Eine frohe Advents- und Weihnachtszeit wünscht

Ihr/Euer

Thomas (Tom) Rigl